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Endoskopie auf dem
Vormarsch
Die
Fortschritt von minimal-invasiver Diagnostik und Therapeutik
geht auch in der Tiermedizin unaufhaltsam voran. In der
Humammedizin ist die Endoskopie schon seit Jahrzehnten auf
einem beispiellosen Siegeszug: Über 90 Prozent aller
Gallenblasen werden inzwischen laparoskopisch entfernt. Nach
der Osteosynthese ist die Arthroskopie weltweit der zweithäufigste Eingriff
am Stützund Bewegungsapparat. Kolonoskopie, Arthroskopie,
Otoskopie und Co. gewinnen immer stärker an Bedeutung.
Inwieweit lässt sich dieser Trend auch in der Tiermedizin
ausmachen? Welche Vorund Nachteile haben endoskopische
Verfahrensweisen?
Geringes OP-Trauma
Die Vorteile von minimal-invasiven endoskopischen Eingriffen
liegen auf der Hand: Durch ein kleineres Zugangstrauma
ergeben sich in der Regel kürzere Rekonvaleszenzzeiten, eine
geringere Schmerzsymptomatik und weniger
operationsspezifische Folgeerkrankungen.
Qualitätssicherungsstudien mehrerer Ärztekammern haben hier
ergeben, dass videoendoskopische Operationen bei prospektiv
oder historisch vergleichbaren Kontrollgruppen in der Regel
mit weniger postoperativen Komplikationen belastet sind als
konventionelle Eingriffe. Auch Studien in der Tiermedizin
kommen für viele Verfahren zum selben Ergebnis. So stellten
für die Thorakoskopie Sabine Tacke und KollegInnen von der
Klinik für Kleintiere der Justus-Liebig- Universität Gießen
fest: „Die Thorakoskopie ist im Vergleich zur Thorakotomie
weniger schmerzhaft, führt zu weniger Wundheilungsstörungen
und ermöglicht eine exzellente Darstellung des Thoraxinneren
mit Vergrößerung der Organstrukturen.“ Herbert Schramm von
der Veterinärmedizinischen Universität Wien konnte in seiner
Dissertation mittels Messung der Bauchdeckenspannung bei
laparoskopisch und laparotomisch kastrierten Hündinnen
zeigen, dass eine deutliche Schmerzreduktion über
Laparoskopie zu erreichen ist. E.B. Davidson und Kollegen
von der Oklahoma University kommen ebenfalls zu dem Schluss,
dass postoperative Schmerzen bei laparoskopischer Kastration
geringer waren als bei der Kontrollgruppe.
Nachteile und Grenzen
Allerdings zeigte sich in dieser Studie, dass
laparoskopische Kastration mit einer höheren Operationsdauer
einherging, etwa 47 bis 175 Minuten im Vergleich zu 25 bis
140 Minuten bei der traditionellen Methode. Gerade in der
Aufbauphase neuer Operationstechniken sind verlängerte
OP-Zeiten die Regel. Hinzu kommt, dass der Tierarzt indirekt
manipuliert, so dass es keine Möglichkeit gibt, das
operierte Gewebe zu ertasten. Dies bringt zunächst
Gewöhnungsschwierigkeiten mit sich. Auch eine während der
Operation auftretende Blutung ist schwieriger zu stillen als
bei einer offenen Operation. Für E.B. Davidson und Kollegen
ist die laparoskopische Kastration zwar eine potentiell
sichere chirurgische Alternative zur traditionellen
Ovariohysterektomie. Allerdings geben sie zu bedenken, dass
die Kosten für Ausstattung sowie für den zweiten Chirurgen
den Einsatz in der Kleintiermedizin limitieren können. Die
Kostenfrage ist in der Tat ein Punkt, der viele
Kleintierpraktiker von der Einführung abhält: Die
laparoskopische Kastration wird für den Halter etwa doppelt
so teuer - auch wenn die erleichterte Betreuung des Tieres
nach dem Eingriff und der Verzicht auf den Leckschutz
schlagkräftige Argumente für den minimal-invasiven Eingriff
darstellen. Gleiches gilt für die Verringerung
postoperativer Komplikationen wie Lungenentzündung,
Infektion oder Embolien.
Diagnostik
In der Kleintiermedizin setzen Praktiker bei der Untersuchung von
Ohren, Nasenrachenraum und Bronchien vor allem starre
Endoskope ein, bei gastroenterologischen Untersuchungen vor
allem flexible Endoskope. Die otoskopische Untersuchung des
Gehörganges verläuft ähnlich wie die mit herkömmlichen
Instrumenten, ist aber wesentlich effektiver. Neben der
diagnostischen Otoskopie lässt sich das Verfahren auch zum
Spülen, Saugen und Kürettieren, für Probeexcisionen sowie
Fremdkörperentfernung nutzen. Die Arthroskopie kann zum
Nachweis sehr unauffälliger oder früher Veränderungen ohne
röntgenologische Auffälligkeit eingesetzt werden. Auch ist
sie hilfreich bei der Ergänzung der klinisch und
röntgenologisch erhobenen oder nicht eindeutig
interpretierbaren Befunde. Aufgrund des minimalen
chirurgischen Traumas ist auch hier nur eine geringfügige
postoperative Versorgung erforderlich.
Videoendoskopie
Videoendoskopische Verfahren haben den Vorteil, dass mehrere
Personen gleichzeitig die Untersuchung am Bildschirm
verfolgen können. So werden auch für den Tierhalter das
Innenleben seines Schützlings und die Vorgehensweise der
Tierärztin transparenter. Durch die hohe Bildauflösung und
die Vergrößerungen eröffnen sich mit der Videoendoskopie
neue Möglichkeiten. So erlaubt eine hochauflösende
Videoendoskopie im Vergleich zu Fiberglasendoskopen eine
Beurteilung von Schleimhautveränderungen, insbesondere auch
von neoplastischen Veränderungen. Hinzu kommt, dass die
Dokumentation mittels Speichermedien sehr einfach erfolgen
kann. Die Autoren Wildgrube und Kierschke weisen im
Deutschen Ärzteblatt jedoch darauf hin, dass gerade wegen
der ausgeklügelten Technik auch Probleme entstehen können:
„Wer ein Glasfinberendoskop in die Hand nimmt, sieht auch
ohne angeschlossene Lichtquelle ein Bild.“ Videoendoskope
seien ohne Licht, ohne Recheneinheit und Bildschirm
unbrauchbar. Um etwa entzündliche Rötungen bewerten zu
können, bedürfen vergleichbare Untersuchungen der
Kalibrierung sowie dokumentierter Ablaufprozeduren. Erst auf
diese Weise lassen sich in der Videoendoskopie
gleichbleibende Seh-Bedingungen sicherstellen.
Jüngste Entwicklungen
In der Humanmedizin haben bereits neue Techniken für Furore
gesorgt. Besonders die Kapselendoskopie mit der
endoskopischen Schluckkamera gilt als Fortschritt, da sie
dem untersuchenden Arzt bisher unzugängliche Regionen im
Dünndarm erschließt. Die Minikamera übermittelt dabei in
gleichmäßigen Abständen Videobilder aus dem
Gastrointestinaltrakt. Die Nachteile dieses Verfahrens sind,
dass der Untersuchende die Kamera nicht aktiv steuern und
keine Biopsieproben entnehmen kann. Auch die Kosten sind ein
nicht unerheblicher Faktor: Die Kapsel selbst lässt sich nur
einmal nutzen und kostet rund 500 Euro, hinzukommen die
Aufwendungen für Untersuchung und Auswertung. In der
gastroenterologischen Diagnostik gilt auch die
Chromoendoskopie als wichtiges neues Verfahren: Hier sprüht
der Arzt im Rahmen der endoskopischen Untersuchung
Färbelösungen auf verdächtige Areale auf, um so etwa
Tumorgewebe von gesundem Gewebe abzugrenzen. Die
Chromoendoskopie konnte so die Effektivität der Koloskopie
sehr gut steigern. Gängige Färbungsmittel sind etwa die
Lugol´sche Lösung, die von neoplastischen Zellen nicht
aufgenommen wird. Mittels Indigokarmin erscheint das Gewebe
plastischer und auch flache Adenome lassen sich erkennen.
Wann und inwieweit diese Techniken auch in der
Veterinärmedizin verstärkt zur Anwendung kommen, steht noch
nicht fest. Sicher ist jedoch, dass minimalinvasive
Eingriffe auch beim Kleintier künftig weiter an Bedeutung
gewinnen.
Geschichtlicher Exkurs
Schon seit der Antike war es ein Wunsch der Heilkundigen,wie durch
ein Schlüsselloch in die Hohlräume des Körpers
hineinzublicken.Dem arabischen Chirurgen Albucasis von
Cordoba (936 bis 1009) gelang es,mit Hilfe eines
Glasspiegels und Sonnenlicht innere Organe zu spiegeln.Der
Arzt Philipp Bozzini aus Frankfurt entwickelte 1806 mit
seinem „Lichtleiter“, einem durch eine Kerze beleuchtetes
Gerät, das erste Endoskop überhaupt. Dieses wurde an der
medizinisch-chirurgischen Josephs-Akademie in Wien
tatsächlich zur Rektoskopie und Kolposkopie mit Erfolg
geprüft, zuerst an Leichen, später auch an Lebenden. 50
Jahre später ersetzte der französische Arzt Antonin
J.Desormeaux die Kerze durch eine Gasogenflamme.Weil dieses
Instrument auch in größerer Stückzahl gebaut wurde, gilt
Desormeaux in der Medizingeschichte auch als „Vater der
Endoskopie“. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts kommt die
Endoskopie auch bei Tieren zum Einsatz. So erfolgte 1913 die
Einführung zuerst beim Pferd, um den Nasen-Rachen-Raum und
den Luftsack zu untersuchen. In der Kleintiermedizin führten
Horning und Mackee die Endoskopie im Jahre 1924 beim Hund
ein, und zwar durch die Broncho- und Ösophagoskopie.
Unterspan führte im Jahre 1925 in Berlin die erste
Gastroskopie bei einem Hund durch.
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